Es existiert eine Vielzahl an Essays über die Wege, die Führungskräfte einschlagen müssen, um die Digitalisierung strategisch zu nutzen.  Die Motivation für diesen persönlichen Artikel entstand aus der Frage, welche Wege für Entscheider existieren, die Digitalisierung Digitalisierung sein zu lassen und andere als übliche Wege zu begehen – entschuldigen Sie an dieser Stelle den etwas frech gewählten Titel.

Obwohl ich mich seit vielen Jahren sehr intensiv mit der Digitalisierung beschäftige, muss ich heute zugeben, dass mir die Nachvollziehbarkeit einiger digitaler Umbrüche persönlich schwer fällt. Da verfolgen 2,3 Millionen Menschen ein Video eines halbwüchsigen Milchbubis, der ohne jeglichen Anspruch an verwertbarem Inhalt seine Kamera bemüht. Nach 10 Minuten gebe ich meine Suche nach Sinn auf, doch mein verwunderter Blick streift noch die Kennzahlen dieses Videos – über 3.000 Kommentare und Tausende Likes säumen das Youtube-Video. Warum?

Insofern verstehe ich die manchmal verzweifelten Blicke deutscher Führungskräfte im Umgang mit der Digitalisierung – sowohl im Unternehmen als auch im eigenen Lebensumfeld. Dieser Meinungsartikel soll Entscheider dazu anregen, einen veränderten Umgang mit dem Thema Digitalisierung einzugehen und dabei die Freiheit einzuräumen, die Digitalisierung nicht in allen Formen zu mögen, wie bereits der Titel des Artikels anmutet.

Das Gesetz der 10.000 Stunden

Mit seinem Buch „Tipping Point“ erklärte Malcolm Gladwell, dass Menschen einen enormen Wettbewerbsvorteil erzielen, wenn sie sich mehr als 10.000 Stunden mit einem Thema befassen. In Sachen Digitalisierung habe ich das Ziel vermutlich übererfüllt. 1995 habe ich meine erste Online-Firma gegründet. Seit über 20 Jahren verfolge und nutze ich die Digitalisierung intensiv für mein Leben und für meinen Beruf. Immer wieder habe ich meinen Kunden und Seminarteilnehmern Rede und Antwort gestanden, warum soziale Medien wie Facebook einen so starken Anstieg an Nutzern verzeichnen und warum Menschen Twitter, Youtube und Instagram einsetzen, um ihre persönlichsten Momente mit der Welt zu teilen. Letztendlich konnte die Motivation der Nutzer immer mit menschlichen Motiven beantwortet werden, die wir sogar mit eigendurchgeführten Studien belegen konnten.

Warum Millionen Menschen auf Youtube ellenlange Videos ansehen, auf denen die Hauptdarsteller Computerspiele durchspielen und kommentieren, konnte ich auch noch erklären, weil ich die analoge Form dieses Spielens noch in meiner Jugend kennen gelernt habe. Sobald ich als Jugendlicher neue Computerspiele für meinen Commodore 64 gekauft habe, lud ich meinen Nachbarn oder einen Freund meiner Klasse ein und sah ihm dabei zu, wie er das Spiel spielte und mit seinen abenteuerlichen und lustigen Kommentaren garnierte. Diese Form des Spieles hatte schon damals einen klaren Unterhaltungswert. Damals gab es aber kein Youtube und damit kein Medium, das genutzt werden konnte, um eine Vielzahl an Menschen zu erreichen, ohne den Programm-Chef eines Fernsehsenders überzeugen zu müssen.

Wenn Sie die Digitalisierung verstehen wollen, fragen Sie (Ihre) Kinder

Von 2006 bis 2012 habe ich viele Workshops geleitet, bei denen es erst einmal um das Verstehen der Digitalisierung und der sozialen Medien ging. Alle Workshops waren auf Geschäftsleitungsebene verortet, was erst einmal als gutes Zeichen für die Innovationsfreudligkeit des Unternehmens gedeutet werden konnte. Interessant dabei war, dass bei fast jedem dieser Start-Workshops mindestens ein Mitglied der Geschäftsführung braun gebrannt war. Der Grund war immer derselbe: Im zurückliegenden Urlaub schaute der leitende Mitarbeiter häufiger den Kindern über die Schulter, die mit ihrem Laptop auf Facebook und Twitter unterwegs waren. Schließlich sprachen die Eltern mit den Kindern beim Abendessen darüber, was diese Medien ermöglichen und schließlich entstand so viel Neugier, dass wir für einen ersten Workshop gebucht wurden, aus dem später häufig mehr wurde. Es ist damit das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass die Kinder den Erwachsenen erzählen, wie sie zukünftig ihr „Business“ und insbesondere ihre Kommunikation verändern müssen. Natürlich verstehen die Kinder noch nicht so viel vom Zahlenwerk des Unternehmens, aber die neue Welt haben sie verinnerlicht.

Zwischen digitaler Abstinenz und digitaler Transzendenz

In einer Studie las ich, dass 37% der 6 bis 9 Jährigen ein Smartphone besitzen. Darüber sind es bereits 84%. Kinder lernen nicht nur, mit diesen Medien zu leben, sie transzendieren sie und bemerken gar nicht mehr, dass sie existieren, so wie sie den Sauerstoff nicht bemerken, den sie einatmen.

Als Familienvater fühlt sich der Wandel zwischen den Welten für mich wie eine Mixtur aus digitaler Abstinenz und Transzendenz an. Die Digitalisierung ist für die älteren Generationen, zu denen ich mich mittlerweile auch zähle, überall spürbar. Jüngere Generationen haben diese aber nicht erkannt, weil sie sie für so normal betrachten, wie wir das Fernsehen und das Telefonieren. Ich möchte hin und wieder ein Gefühl von nondigitaler Realität herstellen, in dem wir beim gemeinsamen Abendessen die Smartphones in einem anderen Raum parken und völlig im Hier und Jetzt sind. Zugegebenermaßen steht aber der Fernseher immer noch im Wohnzimmer, auch wenn er beim Abendessen nicht angeschaltet ist. Wir sind schließlich damit aufgewachsen und damit ist das für uns normal…

Akzeptanz muss nicht mit Verständnis einhergehen

Wir müssen nicht alles verstehen, aber in der Akzeptanz besteht ein erster richtiger Schritt, der Veränderung Einzug in das persönliche Leben zu gewähren. Erst dann kann eine subjektive Bewertung stattfinden. Ich kenne immer noch viele ältere Führungskräfte, die Digitalisierung wegdelegieren und selbst negieren. Ein früherer mir gut bekannter Geschäftsführer zelebrierte sich dafür, dass er auf seinem Schreibtisch keinen Computer stehen hatte. Sein Unternehmen existiert heute nicht mehr.

Entscheider müssen meiner Meinung nach sicher nicht mehr alles vorleben. Aber sie müssen neugierig bleiben und experimentieren. Die digitale Welt bietet jedem Menschen Optionen, das eigene Leben zu optimieren. Das heißt nicht, dass sie nur noch digital leben müssen. Im Gegenteil halte ich es für sinnvoll, einen maßvollen Umgang zu pflegen und auch im privaten und beruflichen Umfeld digitale Freiräume zu fördern.

Ein Ja und Nein zur Digitalisierung ist möglich

Wenn Sie den Artikel bis hierhin gelesen haben, möchte ich Sie mit einer Antwort auf die Frage belohnen, wie Entscheider die Digitalisierung umschiffen können. Es ist sehr befreiend, wenn man die Digitalisierung akzeptiert, ohne sie in Gänze verstehen zu müssen. Machen Sie sich daher von dem Gefühl frei, alle Ecken der digitalen Welt zu kennen und alle Motive nachvollziehen zu müssen. Sie werden es nicht schaffen – und Sie müssen das auch nicht. Ebenso wenig müssen Sie Digitalisierung mögen oder befürworten. Prüfen Sie für sich als Mensch, welche Dinge Sie selbst nutzen können und wollen. Ob Sie nun per Youtube das Gitarre spielen erlernen oder sich über die neueste Golf App zu allen lokalen Turnieren informieren lassen, die Möglichkeiten sind unendlich. Verlassen Sie sich in Ihrem Unternehmen und in Ihrem Dienstleisterumfeld auf Menschen, die eine Expertise verbunden mit einer gehörigen Portion Leidenschaft für die Digitalisierung mitbringen. Schaffen Sie ein Umfeld, in dem Sie ihren Mitarbeitern Freiheit und Budget in die Hand geben, um die Möglichkeiten für das Unternehmen auszuloten und neue Märkte zu erobern. Seien Sie offen für Neues und statten Sie die „Digitalisierer“ mit Verantwortung aus, die mit der Geschäftsführungsebene gleichberechtigt ist. Sie können Ziele gemeinsam abstimmen, aber der Weg zum Ziel müssen Digitalisierer erarbeiten können und dürfen.

Die Delegation von Digitalisierung ist nur dann möglich, wenn Sie neben der funktionalen Aufgabe auch die Macht übertragen. Wenn Sie die Macht nicht abgeben wollen, und ich kenne viele deutsche Mittelständer, die dieses Problem in sich tragen, bleibt Ihnen nur eine Möglichkeit: Sie müssen selbst digital werden. Auch das ist möglich, aber es kostet viel Zeit, die Sie an anderer Stelle substituieren müssen. Sie haben die Wahl, Machen oder machen lassen.

Bildquelle: Panthermedia, fmatte, Mediennr. 161949, lizenziert

 

 

 

Written by Frank Mühlenbeck

Eine zweistellige Zahl an Unternehmensgründungen in drei Ländern, acht eigene Bücher über Digitales Marketing und zahlreiche Beratungsprojekte bei mittelständischen und großen Firmen machen Mühlenbeck zu einem gefragten Referenten und Experten für digitale Geschäftsmodelle. Er begleitet Unternehmen in der Digitalen Transformation.

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